Expedition «Pangaea Peak»

Umgeben von den höchsten Bergen der Welt stehen wir da, sprachlos. Doch werden wir auch einen bisher noch nie bestiegenen Berg erklimmen können?

Tiziana Gees    
Schritt, einatmen, ausatmen, Schritt, einatmen, ausatmen, Schritt, einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen – keinen Schritt weiter. Zwei Wochen nach Beginn des grössten Abenteuers meines Lebens erreiche ich auf ungefähr 5700 Metern, am Hang eines zuvor noch nie bestiegenen Sechstausenders, mein Limit. So nahe war ich am Gipfel, doch jetzt wird mir klar, dass ich es in dieser Nacht nicht schaffen werde. Zusammen mit Markus kehre ich um. Ich versuche, meine Enttäuschung herunterzuschlucken, doch es ist kaum möglich. Die Lichtflecken der Stirnlampen meiner Freunde wandern immer höher; bald sind sie hinter einem Grat verschwunden. Obwohl ich acht Kleiderschichten anhabe, friere ich wie nie zuvor in meinem Leben. Bis zum Sonnenaufgang stehe ich dort, auf dem Vigne-Gletscher im hohen Norden Pakistans. Wie hat alles angefangen? Warum stehe ich überhaupt hier?


Ein Jahr zuvor hörte ich zum ersten Mal vom Young Explorers Program (YEP). Mike Horn, Abenteurer und Extremsportler aus Südafrika, startete 2008 eine vierjährige Weltreise mit dem Segelschiff «Pangaea». Auf jeder Etappe nimmt er Jugendliche mit, zeigt ihnen die schönsten Orte unseres Planeten und wie man diese schützen kann. Von gegen tausend Bewerbern werden jeweils 16 in ein Auswahlcamp eingeladen, wo dann wieder die Hälfte für die Expedition ausgewählt wird. Den Jugendlichen wird gezeigt, wie schützenswert die Natur und wie zerbrechlich unser Ökosystem ist. Das Mike-Horn-Team sucht aktive und interessierte Jugendliche, die bereit sind, auch eigene Projekte zu starten, denn das Motto der Expedition lautet «entdecken, lernen, handeln».


Total begeistert bewerbe ich mich, was sich als eine der besten Entscheidungen meines Lebens herausstellen sollte. Im Mai darf ich ins Selection Camp, bereits einen Monat später sitze ich im Flugzeug nach Pakistan. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Hauptstadt Islamabad machen wir uns auf den Weg nach Skardu und weiter nach Askole, einem winzigen Dörfchen, nur schwer zu erreichen. Die Fahrt dauert mit Jeeps sieben Stunden und führt durch atemberaubende Täler.


Von hier geht es zu Fuss weiter. Zusammen mit 250 Trägern machen wir uns auf den steinigen Weg in Richtung Baltoro-Gletscher. Erst nach zwei Tagen erreichen wir diesen. Die Anstrengung ist gross, denn wir kommen immer höher und die Luft wird immer dünner. Auf einem so grossen Gletscher zu wandern, ist eine aufregende Erfahrung. Zu Beginn ist das Eis mit grossen Felsblöcken und viel Schutt bedeckt. Der Pfad ändert sich jedes Jahr und schlängelt sich zum nächsten Camp. Sehr selten können wir einfach geradeaus gehen, dauernd sind Moränen zu erklimmen, kleine Seen zu umrunden, aber auch Gletscherspalten und steilen Eiswänden müssen wir ausweichen. Auf beiden Seiten des Gletschers wachsen die schönsten Berge in die Höhe, die ich je gesehen habe.


Während der ganzen Expedi-tion machen wir verschiedene Experimente, zum Beispiel untersuchen wir für die Universität München den Liligo-Gletscher, der aus einem Seitental in den Baltoro-Gletscher hineinfliesst. Dieser Gletscher verändert sich sehr schnell. Unsere Aufgabe ist es, Vergleichsfotos zu schiessen und mit GPS verschiedene Positionen zu messen. In einem anderen Projekt beschäftigen wir uns mit dem Abfall und den wasserverschmutzenden Fäkalien, denn die Hinterlassenschaften der vielen Besucher auf dem Gletscher verschwinden nicht einfach, sie werden vom Gletscher nur ins Tal transportiert.


Nach sechs Tagen erreichen wir den Ort, wo der Baltoro-Gletscher und der Godwin-Austen-Gletscher zusammenfliessen. Umgeben von einigen der höchsten Berge der Welt,
z. B. dem K2, stehen wir da, sprachlos, denn wie kann man die Majestät, die von diesem Platz ausgestrahlt wird, in Worte fassen? Hier machen wir einen Tag Pause und lassen uns auf die gefährliche Höhenkrankheit untersuchen.


Doch noch sind wir nicht am Ziel unserer Expedition angekommen. Wir wollen einen noch unbestiegenen Sechstausender erklimmen. Bereits befinden wir uns auf ungefähr 5200 Metern, was man deutlich zu spüren bekommt, denn das Atmen fällt immer schwerer. Den Vigne-Gletscher könnte man mit einer Landebahn vergleichen, flach und schnurgerade liegt er zwischen den hohen Bergen. Am nächsten Tag folgen wir ihm weiter bis zu seinem Ende und stellten dort ein Zelt auf, unser «Advanced Base Camp». Hier wird unser Arzt warten, während wir weiter Richtung Gipfel steigen. Doch dies soll erst während der Nacht geschehen. Noch scheint die Sonne, und wieder kann man eine überwältigende Aussicht geniessen. Eine unendliche Schneelandschaft und messerscharfe Gipfel, darüber ein dunkelblauer, wolkenloser Himmel: Dies ist der schönste Ort, den ich je in meinem Leben gesehen habe!


Ich lausche dem Gesang unserer Träger, den Melodien, die ich nicht mehr vergessen werde. Viel schlafen können wir diese Nacht nicht, schon um Mitternacht bereiten wir uns auf den Aufstieg zum Gipfel vor. Die eisige Kälte lässt meine Gelenke erstarren, langsam macht sich auch Nervosität bemerkbar. Wir bilden Vierer- und Fünfergruppen, jeweils zuvorderst ein Bergführer, und an ihn angeseilt alle Expeditionsteilnehmer. Mit Steigeisen, Eispickel, Helm, Stirnlampe und vielen Kleiderschichten ausgerüstet, machen wir uns an den Aufstieg. Nach einer Stunde wird es deutlich steiler. Nach einer weiteren Stunde bin ich am Ende meiner Kräfte. Ich kann kaum mehr atmen und mache mich auf den Rückweg.


Ich bin sehr stolz auf diejenigen meiner Freunde, die den Gipfel erreichen. Als Erstbesteiger darf man den Berg benennen, und wir beschliessen, ihn nach der Expedition «Pangaea Peak» zu benennen. Obwohl ich damals sehr enttäuscht war, dass ich es nicht bis zum Gipfel schaffte, bin ich heute überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war umzukehren. «Pangaea Peak» wird auch noch dort sein, wenn ich wiederkomme, und ich werde wiederkommen.  

 

 

Tiziana Gees, 19, aus Zürich, ist nicht nur eine leidenschaftliche Bergsteigerin, sie betreibt auch Kung Fu und lernt Chinesisch. Die Geografie-Studentin hält am Informationstag der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich am 12. März einen Vortrag.