
Louka Cilgia Rieser
Ich setze mich hin, allein, in Fahrtrichtung, Sitz am Fenster. Mein Blick schweift kurz über die Leute im Waggon, sie lesen. Nur nicht auffallen, bloss nicht anders sein. Der Zug ruckelt, setzt sich in Bewegung. Backsteinmauern, Fabrikhallen, Häuser, Schrebergärten, dann Sträucher, die zu einem grünen Band verschmelzen. Ich kenne sie, diese Bilder, und die anderen Leute kennen sie auch. Bestimmt. Man sieht es an ihren Gesichtern, wenn man sich aufzuschauen traut. Der Weg ist immer gleich. Nur kleine Kinder drücken sich die Nase am Fenster platt, Erwachsene vergraben sie im Kreuzworträtsel.
Draussen ziehen sich die dicken grauen Wolken zusammen, türmen sich auf. Erste Tropfen klatschen gegen das Fenster. Ich kuschle mich tief in meinen flauschigen, roten Pulli. Rot, die Farbe der Saison, wenn man den Modemagazinen glaubt, denn die eigentliche Farbe der Saison ist wie immer Schwarz. Ich wickle ein Karamellbonbon aus dem Papier, stecke es in den Mund, schlage mein Buch auf. Seite 102. Ich werde nicht auffallen. Das Buch ist langweilig, ich lese nicht. Verstohlen wandert mein Blick nach rechts, hinüber zum anderen Abteil. Eine ältere Frau, noch rüstig, kurzes, graues Haar, eine Halskette mit Kugeln aus violettem Glas. Auf dem Sitz neben ihr eine Plastiktüte mit Blumen in der gleichen Farbe.
Die Tropfen auf der Scheibe verbinden sich zu Rinnsalen, immer dichter fällt der Regen. Es gibt kein Draussen mehr, draussen, das ist ein grüngrauer Fleck. Doch das macht nichts, ich kenne den Weg, schon so oft bin ich ihn gefahren. Der Zug hält, Pendler in dunkler Kleidung steigen ein, füllen die fast leeren Abteile auf. Manchen rinnt der Regen von der Jacke, andere stellen den nassen Schirm zwischen die Füsse. Der Boden füllt sich mit Pfützen. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann. Blondes Haar, Anzug, Aktentasche, ein Banker. Er sieht müde aus, müde wie alle Leute hier, die nach einem langen Tag nach Hause wollen. Ich fahre nicht nach Hause. Ich fahre fort, fort für ein Wochenende, auf das ich mich freue. Der Zug rauscht durch einen Tunnel, mein Gesicht spiegelt sich in der Scheibe, es sieht müde aus. Am Freitagabend im Zug sind alle Leute müde. Das Wasser fliesst in Strömen das Fenster hinunter. Auf der Krawatte des Geschäftsmanns sind kleine Segelboote, in seinem Ohr ein Stecker in Form eines Ankers. Ein Segler, ein Mann mit Leidenschaft. Eigentlich haben doch all die Leute hier ein Leben, Gedanken, Gefühle. Doch sie zeigen sie nicht. Man fällt nicht auf, weint nicht, freut sich nicht, nicht hier. Höchstens heimlich. Ich wickle noch ein Stück Karamell aus dem Papier, schiebe es in den Mund. Ich blicke auf, dem Banker direkt in die grauen Augen. Erwischt! Schnell schaue ich zurück ins Buch und tue so, als ob ich nichts getan hätte. Der Banker tippt auf seinem iPhone herum, wichtige Mails vom Geschäft nach Feierabend. Es fällt mir schwer, ins Buch zu schauen. Meine Nase juckt. Kratzen? Ich streiche meine Haare zurück, beuge dann den Kopf vor. Wie ein Vorhang fallen sie nun vor mein Gesicht. Ich kratze mich an der Nase und streiche dann die Haare zurück hinters Ohr.
Seite 108, der Regen hat aufgehört, jetzt nieselt es. Ein Kontrolleur in grauer Hose kommt den Gang herunter. Die Leute kramen in ihren Taschen nach dem Portemonnaie, ein dankbarer Grund, sich zu bewegen, die Beine zu strecken, sich umzuschauen. Das fällt nicht auf. Eine Frau mit stark getuschten Wimpern verzieht genervt das Gesicht. Das gehört sich so, es gibt schliesslich nichts, was ärgerlicher ist, als wenn man dabei gestört wird, die Horoskope zum dritten Mal zu lesen. Ich zeige dem Kontrolleur meinen Fahrschein. Er nickt, dankt, geht weiter. Im nächsten Abteil erklärt er einer alten Frau, dass ihr Billett für diese Zone nicht gültig sei. Die Leute versinken hinter ihren Zeitungen, es scheint sie nicht zu interessieren. Doch würde man jetzt genau hinschauen, könnte man ihren Ohren beim Wachsen zusehen. Aber das tut man nicht, man schaut nicht auf, man benimmt sich. Ich lese. Eine Viertelstunde, eine halbe? Ich weiss es nicht. Auf Seite 123 kündigt die Frauenstimme der SBB die Ankunft des Zugs in Hinwil an. Wie ich doch diese Stimme liebe, nicht weil sie schön wäre, das nicht. Doch wenn sie erklingt, bin ich meinem Ziel nah. Erleichtert lasse ich das Buch im Rucksack verschwinden. Auch die Blumenfrau faltet ihre Zeitschrift zusammen und verstaut sie in ihrer schwarzen Tasche. Sie gehört also auch zu denen, die den Zug hier verlassen und nach Hause dürfen. Ich schaue mir all die Leute an, die noch weiterfahren, fahren müssen. Wie graue Steinfiguren sitzen sie da, müde. Nur nicht auffallen.
Der Zug wird langsamer, ich stehe auf. Mein Blick gleitet über die Pfützen am Boden, über das dunkle Polster der Sitze, nach draussen. Der Bahnsteig ist grau, verlassen. Eine Bank, ein Mülleimer, dann ein rote Jacke. Meine Mundwinkel schieben sich unweigerlich nach oben. Die Frau mit den Blumen lächelt mich an. „Dein Freund?“ Ich nicke, lächle zurück. Die Menschenschlange vor mir setzt sich in Bewegung, ich mit. Ich sehe noch den schwarzen Rücken des Anzugsmanns, den fleckigen Boden, den grauen Bahnsteig, dann versinke ich in der roten Jacke.
Foto: Tobias Mittmann; jugendfotos.de

