
Nathalie Schüürmann
Da sitzt man friedlich morgens am Esszimmertisch, trinkt gemütlich einen heissen Tee, die Lebensgeister erwachen langsam. Man merkt, wie der Tag langsam beginnt; und ja, er wird gut. Also in aller Ruhe etwas Zeitung lesen, sich den neuesten Klatsch und Tratsch reinziehen, vielleicht das Wetter; und dann bei vollem Bewusstsein die Nachrichten, die wirklichen, die wichtigen. Doch dann in der Rubrik Zeitungs-SMS: „Hey, du wunderschöni Frau. Han dich am 9.10. im Zug vo Züri uf Bade gseh. Hend andersch lang Blickkontakt gha. Bitte meld di doch!“ Anders lange. Ein anders langer Blickkontakt. Wie anders? Also das Gegenteil von lang – ein kurzer Blickkontakt? Nette Anmachmethode. Ich glaube, ich bin wach.
Blättere weiter zu den Leserbriefen. Herr Emil Meili aus Olten zum Thema Schule: „Eine klare Linie braucht es. Regeln. Der Stärkste gewinnt. Das beginnt in der Schule. Es braucht mehr Prüfungen und klare Noten. Die Guten kommen weiter, die Schlechten in die Hilfsschule. Eliten braucht das Land. Kein Wischiwaschi.“
Danke Herr Meili für diese sehr aufschlussreichen, ermutigenden Worte, die Sie da proklamieren. Nun würde es mich interessieren, was Sie denn für eine Karriere gemacht haben. Zwei Möglichkeiten sind denkbar: A)Herr Meili war Strassenfeger bei der Vereinigung “Wischt die Waschis weg“ (Anmerkung: Waschi im Fachjargon dieser Wischtruppe gleich Ausländer). So sehr mit dem Wischen dieser Waschis beschäftigt, merkte Herr Meili gar nicht, dass er nicht zu DER ELITE gehörte. Tragisch, aber typisch für eine posttraumatische Störung. B) Herr Meili war Doktor für angewandte Beleidigungskommunikation. Sein Lieblingsfach: Der Beleidigungsmonolog – Strategien zur Überwindung des inneren Anstands. Muss ich mir eigentlich all den Mist reinziehen? Ramsch. Altpapier. Zum Glück haben wir ein Cheminee.
Ich könnte es ja auch mal online probieren. Doch eigentlich bevorzuge ich etwas Handfestes, so etwas zwischen den Fingern, damit dann richtiges Zeitungsfeeling aufkommt. Wie sähe das denn aus, wenn die ganze Familie morgens am Frühstückstisch sitzt und alle nach den „latest news“ surft? Und wumms, heisse Schokolade über die Tastatur. Hm, irgendwie klebt da Honig an meiner Maus.
Leider sind auch die Onlinezeitungen nicht vor Leserbriefen gefeit, ausserdem gibt es da noch andere Kanäle, um seine Meinung kundzutun, sei es Twitter oder irgendwelche Online-Foren. Schreibt doch “Skifan“: „Es nutzt nix, wenn nur das Potenzial da ist, wenn die Fahrer nicht über den nötigen Killerinstinkt, das Sieger-Gen, den unbedingten Drang besitzen, siegen zu wollen. Und das haben die Schweizer definitiv nicht. Die bisherigen Plätze auf dem Podest sind doch nur Zufallserfolge.“ Aha, ein neuer Anwärter für das Traineramt der Schweizer Ski-Nationalmannschaft.
Online gibt es fast alles gratis. Doch wie heisst es so schön: Zeit ist Geld? Genau, und bis ich online gefunden habe, was ich suche, ist schon wieder ein ganzer Tag vergangen. Zeitverlust gleich Geldverlust, also habe ich das Geld für ein Zeitungsabo bald wieder herausgeholt. Verstanden?
Fassen wir also zusammen: Beziehungskiller Nummer 1: Am Morgen früh schon Scheisse labern. Beziehungskiller Nummer 2: So tun, als wisse man alles. Beziehungskiller Nummer 3: Die ganze Zeit Geld verlangen.
Mit diesem etwas gekürzten Text hat Natalie Schüürmann beim Schweizer Sprachenwettbewerb mitgemacht. Der Wettbewerb findet jedes Jahr für Jugendliche zwischen 16 und Jahren statt. Weitere infos: www.linguissimo.ch
Foto: Tobias Mittmann, jugendfotos.de
